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Vom Kämpfen, Chrampfen & Campen

Tagsüber Haushalt und fünf Kinder, abends putzen gehen: Sophie Marty hat ihr Leben lang gearbeitet, um ihre Familie allein durchzubringen. Heute ist sie 101, lebt seit 78 Jahren im Quartier, geht seit 77 Jahren campen – und hat ein Gedächtnis, um das sie Jüngere beneiden.

01.09.2026 | Luca Wolf (Text) und Louise Runkel (Foto)

Mamma mia, was für eine Frau! Die 101-jährige Sophie Marty schmeisst nicht nur ihren Haushalt selber – kocht, putzt, wäscht. Sie ist auch geistig mit einem beneidenswerten Elefantengedächtnis gesegnet. Namen, Erlebnisse, Gespräche, Jahreszahlen, Ortsangaben – Sophie Marty weiss noch fast alles.

Weil sie derart fit ist, hat sie es kürzlich sogar ins Schweizer Fernsehen geschafft: Mona Vetsch hat sie für eine SRF-Doku zuhause am Neuweg im Hirschmatt-Neustadtquartier besucht und mit ihr über das Geheimnis ihres hohen Alters und ihre gute Verfassung gesprochen. SRF hat diesen Beitrag auch auf Instagram gepostet, wo er fast 30'000 Likes plus Hunderte begeisterter Kommentare ausgelöst hat. Dabei hatte die rüstige Rentnerin alles andere als ein leichtes Leben.

Glocken hochziehen in der St.-Karli-Kirche

Sophie Marty ist am 11. Juni 1925 in Rothenburg geboren. Weil ihr Vater, ein Zimmermann, fast ausnahmslos in der Stadt Luzern arbeitet, zieht die damals siebenköpfige Familie 1932 an die Baselstrasse. Zur Schule geht Sophie ins St.-Karli-Schulhaus. «Als ich in der zweiten Klasse war, wurde die St.-Karli-Kirche fertiggebaut. Wir haben dann mitgeholfen, die Kirchenglocken in den Turm hochzuziehen», erinnert sich Sophie an ein Highlight von damals. Ihre Noten sind «mittelgut», mit einer Ausnahme: «In der Handarbeit hatte ich immer eine Sechs!»

Als der Zweite Weltkrieg näher kommt, wird das St.-Karli-Schulhaus zu einem Lazarett umgebaut. Deshalb müssen alle Schülerinnen und Schüler des Schulhauses für einige Zeit ins Maihof-Schulhaus wechseln. «Wir hatten eine schöne Kindheit und strenge, aber liebe Eltern», sagt Sophie auf ihre ruhige, klare, überlegte Art. Sie ist keine, die mit ihren Emotionen hausieren geht.

Arbeit in der Fabrik anstatt Haushaltungslehre

Als 14-jähriges Mädchen hätte Sophie nach der Schule in Bülach eine zweijährige Haushaltungslehre machen sollen. Sollen, denn: «Nach vier Monaten hatte ich so Heimweh und war so krank, dass mich meine Mutter heimholen musste.» Also beginnt Sophie, in der Herrenkleiderfabrik Tuch AG im Maihof im Akkord als Näherin zu arbeiten. «Meine Schwestern haben das auch alle so gemacht. Das war damals üblich bei Mädchen aus der Unter- und Mittelschicht.

Man hat dort gearbeitet, bis man geheiratet hat.» An dieses Drehbuch hat sich auch Sophie gehalten und 1948, im Alter von 23 Jahren, Theodor Marty geheiratet. «Wir haben uns im gleichen Verein, dem Schwyzerverein, kennengelernt», erzählt Sophie, deren Vater aus Brunnen und die Mutter aus Gersau SZ stammen. Erste Adresse nach der Heirat ist die Habsburgerstrasse. Sophie wird dem Hirschmatt-Neustadtquartier ein Leben lang treu bleiben. Zur weiten Heimat und grossen Leidenschaft wird innert Kürze das Zelten. Aber dazu später mehr.
 

Mit Heimarbeit das Haushaltsbudget aufbessern

Mit der Heirat kann sich Sophie nicht nur auf die Erziehung der fünf Kinder, die zwischen 1949 und 1965 auf die Welt kommen, konzentrieren. «Mein Mann kam aus ärmlichen Verhältnissen und konnte es sich nicht leisten, einen Beruf zu erlernen – dafür musste man damals ja etwas bezahlen. Er war dann bei den SBB im Güterschuppen in Luzern angestellt und verdiente 250 Franken pro Monat.»

Bei 80 Franken Miete und 25 Franken für die Krankenkasse blieb unter dem Strich zu wenig für die Familie. Deshalb hat Sophie in Heimarbeit für eine Firma zuerst Küchenschürzen, Töffmäntel und danach Pelzmäntel genäht. «Dank meinem Zusatzverdienst konnten wir uns hin und wieder eine Schiffs- oder Bahnfahrt leisten.» Worauf Sophie noch heute stolz ist: «Weil ich den Stoff billig bekam, und alles selbst genäht habe, trugen meine Kinder immer schöne Kleider.» 
 

Zuerst Tod von Mann, dann Wohnungskündigung

Doch das Schicksal meint es nicht gut mit der jungen Familie. 1969 stirbt Theodor im Alter von nur 44 Jahren. Lungenkrebs. «Er hatte das absolute Musikgehör. In seiner Freizeit machte er Tanzmusik und spielte in Theaterorchestern diverse Instrumente. Viele Auftritte hatte er im damaligen Restaurant Gotthardloch sowie im Stadtkeller.

Vielleicht war der Zigarettenrauch dort schuld am Krebs.» Ab dann lastet die ganze Verantwortung für die Familie auf Sophies schmalen Schultern. Und als wäre das Leben nicht schon kompliziert genug, muss die Familie wegen anstehenden Sanierungsarbeiten die Wohnung an der Habsburgerstrasse verlassen. Immerhin: Ersatz finden sie rasch in der Siedlung Himmelrich 1, am Neuweg, der ersten Siedlung der damals noch jungen Allgemeinen Baugenossenschaft Luzern (abl). 

«Der Tod meines Mannes hat sehr viel mit mir gemacht», sagt Sophie. Sie spielt damit auch auf ein spezielles Ereignis an, das sich nur einen Tag nach ihrer Hochzeit ereignete. «Mein Schwiegervater hat mir damals seine Heimatgemeinde gezeigt. Dabei sind wir auch an einem Bauernhof vorbeigekommen, auf dem die Gemeinde ihre Heimkinder untergebracht hat. ‹Dort kommen deine Kinder hin, sollte dein Mann früh sterben›, hat mein Schwiegervater gesagt. Das hat mich schockiert, denn die Leute dort lebten offensichtlich in einem bemitleidenswerten, vernachlässigten Zustand.» Daran hat sich Sophie nach dem Tod von Theodor sofort erinnert und umgehend reagiert – zwei Monate später bekommt sie das Luzerner Stadtbürgerrecht. Denn, so ihre Überlegung: «Im städtischen Waisenheim an der Baselstrasse hätten es die Kinder sicher besser gehabt.»
 

Tagsüber Haushalt und Kinder, abends putzen gehen

Doch Sophie lässt von der ersten Minute an keine Zweifel aufkommen, dass sie auch als alleinerziehende Mutter selbst für die fünf Kinder sorgen will und kann, und dass es keine staatlichen Eingriffe braucht. «Ich habe angefangen, abends zu putzen bei der Firma Elektrowatt. Dort hatte ich einen bäumigen Chef.»

Zusammen mit einer kleinen Waisenrente kommt die Familie finanziell durch. Zuhause ist der älteste Sohn Theo bereits ausgezogen, er macht eine Ausbildung zum Lokführer im Tessin. Während Sophie abends arbeitet, kümmern sich die älteren Kinder Myrta und Yvonne um die deutlich jüngeren Zwillinge Brigitte und Robert. 

Dennoch muss die Familie auch am neuen Wohnort einige Probleme überwinden. «Meine jüngsten Kinder waren damals fünf Jahre alt. Aber die Mitbewohnerinnen und -bewohner waren sich nicht mehr an kleine Kinder gewöhnt.» Dauernd habe der Hausaufseher sie ermahnt, dass die Kinder am Sonntag zu laut seien, wenn sie umherrannten. «Wir wurden die ersten Jahre hier geplagt. Nicht mal singen durften sie im Treppenhaus, ohne dass jemand reklamiert hat.»

Mit einem neuen Mann kommt Sophie nicht zusammen. «Das hätten nicht alle Kinder verstanden. Zudem hatte ich gar keine Zeit dafür. Ich ging auf in den Pflichten einer Mutter.» Dazu gehört auch, dass Sophie sich an allem beteiligt, alles unterstützt, was die Kinder interessiert: Wandern, Schwimmen (was sie zuerst lernen muss) und Weiteres. Den einzigen «Luxus», den sie sich damals gegönnt hat: ein Abo des Luzerner Theaters.
 

Erste Frau in der abl-Geschäftsleitung

Mit den Jahren ziehen am Neuweg neue Leute ein, Sophie knüpft Kontakte und wird immer mehr geschätzt. «Sophie weiss, Sophie hilft, Sophie macht»: So beschreibt sie ihre damalige Rolle in einem Portrait im Buch «100 Jahre abl». Als engagierte Mieterin wird sie 1979, als erste Frau, zum abl-Geschäftsleitungsmitglied einberufen und tritt dem Vorstand bei. 20 Jahre lang engagiert sie sich mit grossem Einsatz. Leider ändert sich 2014 nach einer Totalsanierung der gute Zusammenhalt in der Siedlung. Durch die vielen Mieterwechsel und die Vielzahl an Nationalitäten sei die Anonymität gewachsen, bedauert Sophie. «Viele grüssen nicht mal, wenn man sich trifft.»
 

«Ich habe noch nie zwei Frauen im gleichen Bikini gesehen» 

Doch jetzt zurück zum Camping, der grossen Leidenschaft von Sophie. Seit ihren ersten Ferien im Zelt 1949 geht Sophie jedes Jahr im Sommer zelten, zwischen drei und fünf Wochen. Die letzten 55 Jahre immer auf den gleichen Zeltplatz in Tenero. «Mir gefällt die Freiheit dort, die vielen netten Leute, die frische Luft. Und ich studiere die Menschen: Was haben sie an? Was hat sich verändert? Ich habe zum Beispiel noch nie zwei Frauen im gleichen Bikini gesehen.» Bis zu einer Knie-OP vor etwa zehn Jahren, also bis etwa als 90-Jährige, schläft Sophie im Zelt immer auf einer Gummimatratze am Boden. Seither nutzt sie ein Liegebett. 

2023 wird sie erstmals in ihrem Leben krank. Nur knapp überlebt sie eine schwere Lungenentzündung. Direkt nach ihrer Gesundung ist für sie völlig klar, wo sie ihre Ferien verbringt: auf dem Campingplatz in Tenero. «Das ist wie ein Sanatorium für mich.» Apropos Sanatorium und Krankheit: Für Sophie ist klar, dass sie nie (mehr) in ein Spital, ein Alters- oder Pflegeheim will. Egal wie es ihr gesundheitlich geht, egal mit welchen Konsequenzen: Sie will in jedem Fall zuhause bleiben. Das hat sie allen Angehörigen unmissverständlich klar gemacht. Ein Grund für diese Haltung ist unter anderem die Erfahrung, dass zwei ihrer Schwestern im Altersheim enorm unglücklich waren.
 

Sie weiss, was sich in den vergangenen gut 80 Jahren im Quartier verändert hat

Ihr ausgezeichnetes Gedächtnis stellt die 101-jährige Sophie auch unter Beweis, wenn sie über Veränderungen im Hirschmattquartier berichtet, wo sie seit 78 Jahren lebt. Ohne zu überlegen, zählt sie fünf Minuten lang auf, welche Läden es früher wo gab und wie sie hiessen. Sie erzählt von Milch-, Blumen- und Lederwarenläden, von Bäckereien, Autogaragen, Detailhändlern. «Früher gab es in unserem Quartier fünf Bäckereien, vier Molkereien und drei Metzgereien.» Ein Wikipedia in Person. Und wie empfindet sie die Veränderungen? «Ich fand es hier früher besser, als man sich in vielen Läden noch persönlich gekannt hat.» Richtig ärgern kann sich Sophie über den Abbau von Parkplätzen. «Wenn mich jemand mit dem Auto besuchen will, muss er oft lange einen Parkplatz suchen. Das generiert doch nur mehr Suchverkehr.» Zudem nervt sie sich über die vielen Velos, die oft einfach irgendwo abgestellt werden und dann die Wege blockieren. Obschon Sophie etwas den alten Zeiten nachtrauert, bleibt sie Veränderungen gegenüber aufgeschlossen. So hat sie vor Kurzem die neu eröffnete, hippe vegane «Bakery Bakery» an der Bundesstrasse besucht. «Ich wollte einen normalen Kaffee trinken, aber so was hat es dort nicht, nur mit Hafermilch und so. War nicht so fein.» 
 

Von Stadt, Mieterverband und Quartierverein geehrt

Weil sich Sophie sehr für ihr Quartier interessiert, ist sie natürlich Mitglied im Quartierverein Hirschmatt-Neustadt. Und das seit rund 65 Jahren. Sie gehört damit zu den treuesten Mitgliedern und wird deshalb an jeder GV vom Vorstand persönlich begrüsst. Engagiert hat sie sich auch als Wohnungsabnehmerin für den Schweizerischen Mieterverband. «Als erste Frau im Kanton Luzern. Etwa 40 Jahre lang habe ich das gemacht, dafür wurde ich vom Verband geehrt.» Für ihre vielfältige Freiwilligenarbeit – unter anderem als Präsidentin der Frauengemeinschaft der Franziskanerpfarrei – wurde sie zudem 2018 von der Stadt Luzern geehrt.
 

Ihre Kinder sind ihr grösster Stolz

Gesundheitlich geht es Sophie heute gut. «Der Arzt sagte kürzlich, er sei sehr zufrieden.» Sie freut sich über Besuch, ist glücklich, dass sie den Alltag noch immer selbstständig bewältigen kann, und zufrieden, dass sie im Alter von 95 Jahren noch gelernt hat, ein Smartphone zu bedienen. Besonders stolz ist sie darauf, «dass alle meine fünf Kinder gut rausgekommen sind».

Grosse Wünsche hat sie keine mehr. «Ich bin glücklich, wenn ich noch so oft wie möglich ins Tessin auf den Campingplatz kann.» Auf das Geheimnis ihres hohen Alters angesprochen, zuckt Sophie mit den Schultern: «Da gibt es nichts Bestimmtes. Ich habe sicher gute Gene, Verwandte in den USA wurden 105- und 106-jährig. Und vielleicht hilft es, so wie ich, immer ein bisschen zu ‹schaffen›, positiv zu denken und neugierig zu bleiben.» 

Anruf bei Tochter Myrta Marty (76): Wie erklärt sie sich die aussergewöhnlich gute Verfassung ihrer Mutter? Das mit den Genen stimme sicher, sagt Myrta. Auch eine Rolle spiele aber wohl auch Sophies Wille. «Nach dem Tod unseres Vaters hatten wir Kinder grosse Angst, dass auch unsere Mutter sterben könnte. Sie hat uns aber versichert: ‹Ihr müsst keine Angst haben, ich werde sicher 100-jährig!›» Myrta hat übrigens nur gute Erinnerungen an früher, trotz der nicht immer einfachen Umstände. «Wir hatten einen wahnsinnigen Zusammenhalt und es hat uns nie an etwas gefehlt.»
 

Ein grosser Wunsch: noch vier Jahre leben

Wer so alt wird wie Sophie, war an vielen Beerdigungen. Von 48 Schülern und Schülerinnen ihrer Klasse zum Beispiel lebt nur noch sie. «Jeder Tod versetzt einem einen Stich. Und man weiss am Abend, wenn man ins Bett geht, nie, ob man noch aufsteht am nächsten Morgen.» Davor und vor einem schweren Schlaganfall fürchtet sie sich. Zwar ist ihr bewusst, dass sie nicht ewig lebt. Aber einen grossen Wunsch hat sie diesbezüglich noch. «Ich möchte noch vier Jahre leben. Also so lange, bis auch meine jüngsten zwei Kinder pensioniert sind. Falls sie vorher Hilfe bräuchten, etwa unfallhalber, könnte ich sie immerhin noch jeden Tag besuchen.»
 


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